Die Norwood-Skala ordnet den erblich bedingten Haarausfall beim Mann einem von zwölf abgestuften Mustern der Skala zu, von einer noch vollen Haarlinie bis zu einem schmalen Haarkranz am Hinterkopf.1 Sieben Grundstadien bilden das Ausmaß ab, dazu kommen feinere Abstufungen für bestimmte Verlaufsformen. Ärztinnen und Ärzte nutzen sie, um ein Ausfallmuster einheitlich einzuordnen, und du kannst dich damit grob selbst verorten.
Wichtig gleich vorweg: Die Skala hält fest, wie dein Muster gerade aussieht. Sie sagt nicht voraus, wie weit der Haarausfall bei dir noch geht oder wie schnell. Sie ist eine Momentaufnahme, keine Prognose. Was den erblichen Haarausfall antreibt und warum vor allem Stirn und Oberkopf betroffen sind, liest du unter Haarausfall verstehen.
Was die Norwood-Skala ist und wozu sie dient
Der volle Name lautet Hamilton-Norwood-Skala, nach den beiden Ärzten, die sie entwickelt und später überarbeitet haben. Sie ist die gängige Einteilung für den androgenetischen (erblich bedingten) Haarausfall beim Mann. Statt vage von „schon ziemlich licht" zu sprechen, ordnet man den Befund einem nummerierten Stadium zu.
Das hat einen praktischen Nutzen. Ein Stadium erfasst das aktuelle Muster und dessen Ausmaß in einem Wort, das für jeden dasselbe bedeutet. Ärztinnen und Ärzte stützen darauf ihre Einschätzung und die Therapieentscheidung, und über die Zeit lässt sich vergleichen, ob ein Muster stabil bleibt oder weiter fortschreitet.2 Für dich hilft die Skala vor allem dabei, in Worte zu fassen, wo du gerade stehst.
Aufgebaut ist sie aus sieben Grundstadien für das Ausmaß, ergänzt um eine gesonderte Form mit zusätzlicher Wirbel-Lichtung und die vier Typ-A-Varianten für einen abweichenden Verlauf. Zusammen ergeben das die zwölf Abbildungen der klassischen Einteilung, die die nächsten Abschnitte der Reihe nach durchgehen.1
Die Norwood-Skala ist dabei auf das männliche Muster zugeschnitten. Bei Frauen sieht der erbliche Haarausfall anders aus, dafür gibt es eine eigene Einteilung. Dazu weiter unten mehr.
Die regulären Stadien von I bis VII
Die reguläre Reihe beschreibt den häufigsten Verlauf, bei dem nach und nach zwei Zonen betroffen sind: Zuerst weicht die Haarlinie an der Stirn zurück, erst in den höheren Graden kommt eine lichte Stelle am Oberkopf hinzu. In den höchsten Graden wachsen beide zusammen. Innerhalb von Grad III wird zusätzlich zwischen einer Form mit und ohne Wirbel-Lichtung unterschieden.
- I: Kein oder kaum sichtbarer Rückgang. Die Haarlinie sitzt noch so, wie man sie aus jungen Jahren kennt.
- II: Die Haarlinie zieht sich an den Schläfen leicht zurück, meist symmetrisch. Das sind die beginnenden Geheimratsecken, oft als M-Form beschrieben.
- III: Die Geheimratsecken sind tiefer eingeschnitten und deutlich ausgeprägt. Das ist das Ausmaß, das üblicherweise als beginnende Glatzenbildung gilt.
- III vertex: Die Geheimratsecken bleiben etwa auf dem Niveau von Grad III, zusätzlich beginnt sich der Wirbel am Oberkopf zu lichten. Vertex ist der Fachbegriff für den Wirbelbereich, also die Tonsur am Hinterkopf.
- IV: Geheimratsecken und Wirbel-Lichtung sind beide ausgeprägter. Zwischen Stirn und Wirbel steht noch ein Band aus dichterem Haar.
- V: Vorderzone und Wirbel werden größer, das trennende Haarband dazwischen schmaler und dünner.
- VI: Das trennende Band verschwindet weitgehend, die beiden kahlen Bereiche gehen ineinander über.
- VII: Die ausgeprägteste Form. Auf dem Oberkopf wächst kein Haar mehr, geblieben ist nur ein schmales Band an den Seiten und am Hinterkopf, oft als Hufeisen beschrieben.1
Die Stadien sind Orientierungspunkte auf einem gleitenden Verlauf, keine scharf getrennten Schubladen. Viele Männer liegen zwischen zwei Stadien oder passen nicht exakt in eines. Das ist normal und kein Widerspruch zur Skala.
Die Typ-A-Varianten: wenn die Front als Ganzes zurückweicht
Neben der regulären Reihe kennt die Skala ein zweites Muster, die Typ-A-Varianten. Sie sind keine bloße Zwischenstufe, sondern ein eigener Verlauf. Der Unterschied liegt darin, wie das Haar zurückgeht. Beim üblichen Verlauf passiert das an zwei Stellen gleichzeitig, an den Geheimratsecken und am Wirbel. Bei der Typ-A-Variante weicht die Haarlinie stattdessen in einer einzigen Welle von vorne nach hinten zurück.1
Zwei Dinge fehlen dabei: Am Wirbel bildet sich kein eigener kahler Fleck, und in der Mitte bleibt keine Insel aus dichterem Haar zwischen Stirn und Oberkopf stehen. Der Kopf wird gleichmäßig von vorne her lichter, statt an zwei getrennten Stellen.
Die Typ-A-Varianten tragen ein „a" hinter der Ziffer und werden nach dem Ausmaß des zurückweichenden Bereichs abgestuft: IIa, IIIa, IVa und Va. Weiter als Va reicht diese Reihe nicht, ein „VIa" oder „VIIa" gibt es nicht. Insgesamt bleiben Typ-A-Verläufe meist weniger ausgedehnt als die höchsten Grade der regulären Reihe, fallen aber durch die gleichmäßig zurückweichende Front oft früh auf.1
Wie ordne ich mein Stadium grob selbst ein?
Am einfachsten geht das mit zwei Fotos bei gutem Licht: eines von vorne auf die Stirnlinie, eines von schräg oben auf den Wirbel. Vergleiche dann, welches der oben genannten Stadien deinem Bild am nächsten kommt. Für den Wirbel hilft ein zweiter Spiegel oder das Handy in ausgestrecktem Arm.
Achte dabei auf zwei Fragen. Erstens: Wie weit sind Stirnlinie und Wirbel jeweils zurück? Zweitens: Kommt der Rückgang eher von den Schläfen und vom Wirbel her, oder wandert die ganze Front gleichmäßig nach hinten? Die zweite Frage entscheidet, ob dein Muster in die reguläre Reihe oder zu den Typ-A-Varianten mit dem „a" passt. Der Zusatz „vertex" wiederum steht dafür, dass zur Stirnlinie eine Wirbel-Lichtung hinzugekommen ist.
Sei mit dem Ergebnis nachsichtig. Eine Selbsteinordnung per Foto ist grob und schwankt schon mit Lichteinfall, Haarlänge und Blickwinkel. Sie gibt dir eine Richtung, mehr nicht.
Zwei Dinge kann die Skala grundsätzlich nicht: Sie sagt nicht, wie weit dein Haarausfall noch fortschreitet, und sie klärt nicht, ob überhaupt ein erblich bedingter Haarausfall dahintersteckt. Ein Muster, das nicht dem typischen Bild an Stirn und Wirbel folgt, sondern die Haare diffus über den ganzen Kopf ausdünnt, kann andere Ursachen haben. Beide Fragen gehören in eine ärztliche Anamnese. Wie die bei uns abläuft, beschreibt der Artikel So funktioniert die Anamnese.
Bei Frauen gilt die Ludwig-Skala
Die Norwood-Skala passt auf das männliche Muster mit zurückweichender Stirn und Tonsur. Bei Frauen verläuft der erbliche Haarausfall meist anders: Die vordere Haarlinie bleibt in der Regel erhalten, während das Haar am Scheitel und am Oberkopf flächig dünner wird. Für dieses Muster nutzt man die Ludwig-Skala mit ihren eigenen Graden.1
Deshalb lässt sich das Norwood-Schema nicht einfach auf Frauen übertragen. Was hinter weiblichem Haarausfall steckt und wie er sich einordnen lässt, behandelt der Artikel Haarausfall bei Frauen.
Was dein Stadium für die Behandlung bedeutet
Für die Behandlung ist vor allem eines entscheidend: wie viel eigenes Haar noch da ist. Je früher man ansetzt, also je niedriger das Stadium, desto mehr lässt sich erhalten. Solange die Follikel noch aktiv sind, kann eine Behandlung den Ausfall bremsen und geschwächtes Haar stabilisieren.
An bereits vollständig kahlen Zonen sieht das anders aus. Wo über Jahre kein Haar mehr gewachsen ist, sind die Follikel inaktiv und zurückgebildet, und Medikamente bringen dort kein neues Haar hervor. Für solche Areale ist eher der Vergleich zwischen medikamentöser Therapie und einer Haartransplantation ein Thema, den der Artikel Haartransplantation oder Medikamente einordnet.
Das Stadium ist also ein Anhaltspunkt, aber keine Behandlungsanweisung. Was für dich sinnvoll und medizinisch geeignet ist, hängt vom Gesamtbild ab: vom Muster, vom Verlauf, von deinem Alter und deiner Gesundheit. Das stellt die ärztliche Prüfung fest, nicht die Skala allein.
So läuft es bei uns: Du beantwortest zunächst einen medizinischen Fragebogen zu deinem Haarausfall und deiner Gesundheit. Unsere Ärztinnen und Ärzte prüfen deine Angaben und entscheiden, ob und welche Behandlung infrage kommt. Ein Rezept ist dabei nie garantiert, und am Anfang steht die ärztliche Einschätzung, nicht das Medikament.
Häufige Fragen
Welches Norwood-Stadium habe ich?
Zum groben Einordnen hilft ein ehrlicher Blick auf Stirnlinie und Wirbel im Abgleich mit den Stadien I bis VII: von kaum sichtbarem Rückgang über beginnende Geheimratsecken und die hinzukommende Tonsur bis hin zu zusammenwachsenden kahlen Zonen. Weicht deine ganze Front gleichmäßig zurück, kommen zusätzlich die Typ-A-Varianten infrage. Diese Selbsteinordnung bleibt ungenau. Eine sichere Einteilung und die Frage, ob überhaupt ein erblicher Haarausfall vorliegt, gehören in die ärztliche Beurteilung.
Was bedeutet Norwood 3 Vertex?
Grad III steht für deutlich ausgeprägte Geheimratsecken. Der Zusatz „vertex" heißt, dass zusätzlich eine lichte Stelle am Wirbel, also die Tonsur am Oberkopf, hinzugekommen ist. Es sind damit zwei Zonen betroffen, die Stirn und der Oberkopf, die sich im weiteren Verlauf ausdehnen können.
Warum tragen manche Norwood-Stadien ein „a" oder „vertex"?
Beide Zusätze beschreiben die Art des Musters, nicht allein den Schweregrad. „Vertex" heißt, dass neben der zurückweichenden Stirnlinie auch der Wirbel am Oberkopf lichter wird. Das „a" steht für die Typ-A-Varianten, bei denen die Haarlinie als Ganzes von vorne nach hinten zurückweicht, ohne dass sich am Wirbel ein eigener kahler Fleck bildet. So lässt sich mit derselben Skala festhalten, ob zwei Zonen getrennt betroffen sind oder die Front gleichmäßig wandert.
Ab welchem Stadium sollte man etwas gegen den Haarausfall tun?
Eine feste Grenze gibt es nicht. Grundsätzlich gilt: Je früher man ansetzt und je mehr eigenes Haar noch da ist, desto mehr lässt sich erhalten. Auch schon bei beginnenden Geheimratsecken kann sich eine ärztliche Einschätzung lohnen, um den Verlauf einzuordnen. Ob und wann eine Behandlung sinnvoll und medizinisch geeignet ist, entscheidet die ärztliche Prüfung.
Kann man auf der Norwood-Skala wieder ein niedrigeres Stadium erreichen?
Nur begrenzt. Solange Follikel noch aktiv sind, kann eine Behandlung den Ausfall bremsen und geschwächtes Haar verdichten, sodass das Bild sich etwas bessert. An Stellen, die bereits vollständig kahl sind und deren Follikel über Jahre inaktiv und zurückgebildet sind, wächst dagegen kein neues Haar mehr nach. Die Skala lässt sich also nicht beliebig zurückdrehen.
Gibt es die Norwood-Skala auch für Frauen?
Nein, die Norwood-Skala ist auf das männliche Muster zugeschnitten. Bei Frauen bleibt die vordere Haarlinie meist erhalten, während das Haar am Scheitel dünner wird. Dieses Muster erfasst die Ludwig-Skala.
Sagt die Norwood-Skala voraus, wie kahl ich werde?
Nein. Die Skala erfasst dein Muster zum jetzigen Zeitpunkt, sie ist keine Prognose. Ein niedriges Stadium bedeutet nicht, dass es dabei bleibt, und ein höheres nicht, dass es zwangsläufig bis zum letzten Stadium fortschreitet. Wie ein Verlauf sich entwickelt, ist individuell und lässt sich am besten ärztlich einschätzen.
Quellen
- 1.Gupta M, Mysore V (2016). Classifications of Patterned Hair Loss: A Review. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4812885/
- 2.Ho CH, et al. (2024). Androgenetic Alopecia. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK430924/



